Mehr als die klassische Steuerberatung

27.06.2026

Erstaunen beim Public Viewing – Die Kunst im Fußball entdeckt

Es war meine Idee gewesen. Oder zumindest so etwas Ähnliches wie eine Idee – ein Gedanke, der sich irgendwann zwischen zwei Gesprächen mit Hilda verselbstständigt hatte und schließlich als Einladung in meinem Kalender stand. „Deutschland gegen Holland, Viertelfinale, Public Viewing“, hatte ich gesagt. „Das wäre doch … verbindend.“ Hilda hatte nur gefragt: „Gibt es dort auch Raum für ästhetische Selbstentfaltung?“ Ich hätte nein sagen sollen.

 

Der Platz ist voll, eine Mischung aus Grillgeruch, Erwartung und übersteuerten Lautsprechern. Auf der Leinwand flackern die Nationalfarben, irgendwo schreit jemand „AUF GEHT’S!“. Neben mir steht die prätentiöse Madame aus Maastricht. Sie trägt ein knalloranges Hollandtrikot. Auf dem Rücken prangt in großen Buchstaben: ZEISENVAART. Darüber verlaufen schmale, handgenähte Streifen in Schwarz-Rot-Gold, als hätte jemand Völkerverständigung im Bastelkurs gestaltet. „Ich habe bewusst beide Nationen integriert; wir sind uns ähnlicher, als du denkst“, erklärt sie. „Es ist ein Viertelfinale“, murmele ich. „Kein UNESCO-Projekt.“

 

Tatsächlich ist sie im Umkreis von hundertfünfzig Metern die einzige Person, die aussieht wie eine Mischung aus Fanblock, Kunstinstallation und diplomatischem Experiment. Dazu trägt sie eine monumentale Bienenkorbfrisur, in die kleine Fußbälle eingefärbt sind. „Wunderbar, oder?“, fragt sie. „Du wirst auffallen“, warne ich. „Das ist der Sinn von Frisuren“, erwidert sie. Die Leute blicken verstohlen zu meiner Begleitung. David beugt sich zu mir. „Sie ist heute sehr präsent.“ „Sie ist immer sehr präsent“, antworte ich.

 

Das Spiel beginnt. Die Menge schwankt zwischen kollektivem Atemanhalten und eruptivem Gebrüll. Hilda hingegen kommentiert jede Szene, als hielte sie eine kunsthistorische Vorlesung. „Ein Einwurf wie eine minimalistische Geste!“ „Der Pass – fast barock in seiner Überladung!“ „Das war kein Foul, das war Kubismus in Bewegung!“ David nickt kundig. Das beunruhigt mich mehr als jede Torchance der Niederländer.

 

In der Halbzeit gehen wir zum Torwandschießen. Ich treffe nichts. David ebenfalls nicht – immerhin stolpert er dabei nicht noch über den Ball wie ich. Hilda verzieht ihren Schuss völlig. Der Ball knallt gegen einen Werbeaufsteller, springt zurück, prallt gegen eine Getränkekiste. In diesem Moment schnappt ihn sich ein Dackel, läuft quer über den Platz und trottet – langsam, fast würdevoll – mitsamt Ball durch die untere Toröffnung. „Ich habe gewonnen!“, jubelt Hilda. „Der Hund hat gewonnen“, entgegne ich beleidigt. Sie haut mir auf die Schulter und lacht laut: „Interaktion ist alles, Robert. Du musst dir einfach bessere Verbündete suchen!“

 

Später am Bierstand mustert uns ein Mann, dessen glasige Augen verraten, dass das Spiel nicht sein erstes Ereignis des Tages gewesen ist. Sein Blick bleibt auf Hildas Rücken hängen. „Zeisenvaart … hat das, hat das was mit Van der Vaart zu tun?“ Ich verschlucke mich beinahe an meinem Bier. „Ich weiß nicht, wen Sie meinen, aber: Vielleicht ein entfernter künstlerischer Zweig?“, überlegt Hilda. Der Mann bleibt dran. „Ich meine … Rafael …“ „Ein wahrlich meisterlicher Künstler“, sprudelt es aus Hilda heraus. „Seine Fresken sind wunderbar. Für mich steht er zu Unrecht im Schatten Michelangelos.“ Der Mann nickt verwirrt und schaut dabei treudoof wie ein Renault Twingo. Auch so kann man Betrunkene loswerden.

 

Deutschland gewinnt am Ende knapp. Während ringsum gejubelt wird, blickt Hilda noch einen Moment auf die Leinwand. „Das war ein Spiel mit klarer Oberfläche und unklarer Bedeutung“, resümiert sie. „Das war Fußball“, erwidere ich. „Auch“, sagt sie. Ich verdrehe die Augen und muss schließlich lächeln. So ist Hilda eben. Und wahrscheinlich schätzen wir sie genau deshalb.

 

Auch mein Steuerberater Roland Wilm muss mit ganz unterschiedlichen Persönlichkeiten umgehen. Jeder bringt seine eigene Geschichte, seine Eigenheiten und manchmal auch seine Schrullen mit. Was ich an ihm besonders schätze: Er besitzt die seltene Gabe, bei jedem den richtigen Ton zu treffen. Vermutlich ist genau das einer der Gründe für seinen Erfolg. Mich kennt er inzwischen ebenfalls als jemanden, der regelmäßig mit einer neuen skurrilen Geschichte in seiner Kanzlei auftaucht. Wahrscheinlich denkt er sich jedes Mal aufs Neue: Was erlebt dieser Mann eigentlich alles?


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