22.05.2026
Floris im Flow – Wenn der sanfte Holländer zweimal klimpert
Hilda steht mitten im Raum, mit der Forderung im Gepäck, bei uns übernachten zu dürfen. Mitsamt ihrem fluffigen Cousin Floris. Im Augenwinkel sehe ich Angelas Blick, der einen ganzen Ehekrieg kurz durchspielt und wieder verwirft. Dieser Blick bedeutet ungefähr: Wenn du jetzt nervös wirst, bringe ich dich eigenhändig um, und zwar ohne Filmteam. „Natürlich, Hilda“, sagt sie stattdessen mit einer Freundlichkeit, die mir fast Angst macht. „Wir haben oben das Gästezimmer.“
„Wie zauberhaft häuslich“, haucht die prätentiöse Maastrichterin und streift durch unser Wohnzimmer, als prüfe sie ein Landgut vor dem Kauf. Floris hält derweil den Schal mit beiden Händen fest, als liege darunter eine besonders empfindliche Fracht. „Fantastisch, dass wir nun einen Pianisten dabei haben“, frohlockt David. „Was ist ein Theaterstück ohne Musik?“ „Nicht Musik“, korrigiert Floris sanft. „Atmosphäre.“
Minuten später tragen David und Kevin gemeinsam ein erstaunlich großes, mit buttergelbem Glitter behangenes E-Piano herein. Floris steht daneben und gibt Befehle, die klingen wie Regieanweisungen für Wolkenformationen. „Das Instrument muss atmen können“, flüstert er besorgt. „Es ist ein Yamaha“, keucht Kevin. „Das atmet höchstens Staub.“
Hilda lässt sich in unseren Lesesessel fallen, den sie innerhalb weniger Sekunden in einen Thron verwandelt. „Nun“, sagt sie. „Wo steht ihr künstlerisch?“ Niemand antwortet. David springt ein und schildert hektisch unsere bisherigen Ideen: symbolistische Familienkonflikte, Fechtszenen, Chiffren, vielleicht ein Generationendrama mit Humor. Währenddessen lässt Floris probeweise einzelne Töne erklingen. Sehr langsam. Sehr traurig. Jeder Ton klingt, als hätte er zuvor einen Brief erhalten.
Hilda hört sich die Vorschläge an, dann winkt sie müde ab. „Viel zu ambitioniert. Ich will zwar Kunst, aber keine Erschöpfung.“ Sie steht auf, tritt in die Mitte des Raumes und sagt dann: „Warum improvisiert ihr nicht einfach?“ Stille. Floris hört auf zu spielen. „Improvisieren?“, fragt Mia. „Na klar. Das Publikum ruft Situationen hinein. Oder Begriffe. Oder Familiengeheimnisse. Ihr reagiert spontan. Roh. Direkt. Lebendig.“
David wirkt sofort begeistert – was grundsätzlich ein Warnsignal ist. „Das ist genial. Wie damals im Restaurant!“ Leider hat er recht. Unser völliger Kontrollverlust bei Da Vinci kam erschreckend gut an. „Dann brauchen wir gar keinen festen Text!“, ruft er. Jetzt werden alle aufmerksam. Die Zwillinge wirken erleichtert. Kevin ebenfalls. Sogar ich spüre, wie sich mein Gehirn entspannt. Texte lernen erscheint mir ohnehin zunehmend wie eine feindselige Erfindung des Bildungssystems.
Nur Hilda scheint zu stocken. „Moment“, sagt sie. „Aber ich sollte doch inszenieren.“ Angela lächelt dieses gefährliche Ehefrauenlächeln, bei dem niemand genau merkt, dass gerade Diplomatie betrieben wird. „Tust du doch“, erwidert sie. „Nur offener.“ „Offener?“ „Du steuerst die Energie neben und hinter der Bühne.“ Hilda blinzelt. Ihr Gesicht prüft, ob das ein Kompliment ist. „Hm“, sagt sie schließlich. „Ja. Das könnte funktionieren. Eine Mischung aus Soufleuse und Motivationscoach.“
Wie immer bei uns entsteht aus einer Idee sofort eine Parallelwirklichkeit. David googelt bereits „Improübungen, Anfänger, lustig“. Mia schreibt Publikumsvorschläge auf Karten. Kevin fragt, ob man improvisiert auch fechten darf. Floris spielt wieder, melancholische Läufe voller schiefer Schönheit.
Irgendwann sagt David: „Moment mal. Das müssen wir aufnehmen.“ „Was?“, frage ich. „Die Musik! Wir machen akustische Einladungskarten für den Zeisenvaart-Tag!“ Er erklärt, dass man dafür eigene Aufnahmen nutzen kann. Und natürlich gebe ich nach. Mittlerweile würde mich auch nicht mehr überraschen, wenn wir zusätzlich Zeisenvaart-Duftkerzen oder eine eigene Operettenwurst entwickeln würden. Mia nimmt Floris’ Klavierstücke mit dem Handy auf. „Halt“, sagt Floris und klimpert einen einzigen abgehackten Ton. „Wenn da schon Melodien von mir auftauchen, möchte ich auch einen Satz auf der Karte hinterlassen.“
„Im silbernen Zwischenlicht der Erinnerung tanzt selbst die verlorene Seele noch einen letzten Walzer mit der Nacht“, kredenz Floris, als trüge er diese wertvolle Weisheit schon seit Ewigkeiten mit sich. „Dieser Satz soll auf der Karte stehen, und zwar in meiner Schrift.“ Er zieht einen edlen Füller hervor und schreibt auf einen Zettel seinen Namen: Floris Friedrich Busendonk. Die Schrift sieht aus, als würden sterbende Schwäne bergsteigen.
David versucht sie nachzuahmen – und siehe da: Es gelingt ihm. In den kommenden Tagen entwirft er passende Zeichnungen für die Einladungskarten: lange schwarze Lilien, Zylinder, fahle Monde, traurige Zillo-Gesichter mit Augenringen wie expressionistische Waschbären. Dazu kommen meine einordnenden, seriösen Worte. Und fertig ist sie: die perfekte Einladung für die Zeisenvaarts.
Während sich im Wohnzimmer kreatives Chaos entfaltete, dachte ich kurz an Roland Wilm. Einer der wenigen Menschen, die selbst in diesem Durcheinander noch eine saubere Einnahmen-Überschuss-Rechnung erstellen würden. Seine ruhige, präzise Art wirkt wie ein Gegenpol zu unserem Ausnahmezustand. Selbst wenn neben ihm Floris „Highway to Hell“ auf der Orgel spielen würde, bliebe er unangreifbar strukturiert und sachlich.
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