31.10.2026
Vom Lottogewinner zum Diplomaten – Empfang auf Zeisenvaart-Art
Ich stehe vor der Mehrzweckhalle und starre über den Parkplatz in die Ferne wie Kevin Costner in der Prärie, nachdem ihm sein Wolfsrudel abhandengekommen ist. Dann schälen sich aus dem Flimmern über dem Asphalt Umrisse. Bordeauxrote T-Shirts, Pinselketten, Rollkoffer. Ich zähle, das Klemmbrett unterm Arm. Vierundzwanzig. Von vierzig. Immerhin.
Drinnen hängen Girlanden aus schwarzen Papierlilien, auf jedem Tisch thront ein Pappmaché-Zylinder. Die Begrüßung gerät zur Leibesvisitation. Eine Frau aus Venlo zieht den Kragen beiseite und präsentiert ein Muttermal am Hals. „Wie Zillo auf dem Selbstporträt! Wo ist Ihres?“ Ich habe keins. Ich halte ihr mein Ohrläppchen hin: langgezogen, fast geigenförmig. Ganz Zillo. Sie schüttelt mitleidig den Kopf. Um David scharen sich derweil drei Herren und legen ihre Bärte an seinen wie Stoffmuster.
„Und der Rest?“, frage ich ihn in einer haarfreien Sekunde. David scrollt. „Die Taxis stehen bei Hanau im Stau. Die Pub-Fraktion schickt nur Kleeblatt-Emojis.“ Er bezieht Posten an der Eingangstür.
Hinter der Bühne herrscht eine Stimmung wie im Wartezimmer vor der Wurzelbehandlung. Der Lederkoloss knackt im Sekundentakt mit den Fingern. Floris lauscht jeder Taste einzeln nach, als hätte das E-Piano Saiten. „Wir fangen an“, sagt Angela schließlich. „Beim Impro ist es egal, ob Gäste zu spät hinzukommen. Die Geschichte biegt sowieso jede Minute woanders ab.“ Ich nicke. In meinem Beruf nennt man so etwas ein unkalkulierbares Risiko. Ich selbst bleibe heute am Rand. Einer muss den Überblick behalten.
Im Saal sinken die Zeisenvaarts auf ihre Stühle und packen Obstkuchen aus. Limburger Vlaai, leicht zerdrückt von der Reise. Hilda tritt vor sie und hebt den Arm mit dem Dackelarmreif wie eine Dirigentin. „Ihr ruft Ideen rein, am liebsten rund um Zillo, und die da oben spielen sie. Und: Wer ab jetzt durch diese Tür kommt, spielt mit, ohne es zu wissen. Welche Rolle die Neuankömmlinge bekommen, sage ich euch rechtzeitig.“ Raunen. Schließlich nickt einer nach dem anderen.
Ein Mann aus Sittard ruft: „Zillo malt ein Stillleben mit Gurke!“ Nur klingt seine Gurke wie „Churke“, und der Lederkoloss versteht: „Schurke“. Als Zillo stibitzt er einen Pappmaché-Zylinder vom Tisch in der ersten Reihe, stellt sich an Hildas mitgebrachte Staffelei und winkt den Antiquar als Modell heran. Der macht mit seinem Einstecktuch vorm linken Auge einen auf Pirat und erstarrt in finsterer Pose. „Gurke!“, ruft der Mann aus Sittard verzweifelt, was erst recht nach „Churke“ klingt. Der Lederkoloss nickt verständnisvoll und holt die Lehrerin als zweiten Schurken dazu. Der Sittarder gibt auf und nimmt sich noch ein Stück Vlaai.
Kaum ist das Stillleben vollendet, reißt David den Arm hoch. „Taxi!“ Hilda springt auf und ruft in den Saal: „Lottogewinner!“ Zwei Minuten später kommen zwölf zerknitterte Zeisenvaarts herein. Standing Ovations. Der Lederkoloss überreicht einen Scheck, eilig auf einen Pizzakarton aus der Garderobe gekritzelt: sechs Richtige mit Superzahl. Die Neuen lächeln, wie man lächelt, wenn man auf einer fremden Hochzeit gelandet ist. „Wir haben gar nicht gespielt“, stammelt einer. „Wir haben nur die Taxis bezahlt. Sechshundertvierzig Euro.“ Er mustert das Pappstück und reckt es empor. „Gut. Dann zahle ich die Rückfahrt. Für alle.“ Der Erste hat es kapiert. Die anderen elf lächeln tapfer weiter.
Eine halbe Stunde später meldet David die Pub-Fraktion. Hilda gibt die nächste Losung aus: „Diplomaten. Friedensverhandlungen Deutschland – Holland.“ Vier gerötete Männer wanken herein, einer hält einen Bierdeckel wie eine Urkunde. Angela schreitet als Bundespräsidentin auf sie zu. „Ohne Sie gäbe es auf deutschen Autobahnen bis heute keinen Waffenstillstand mit den Wohnwagen.“ „Wir … ham … gesungen?“, lallt der Bierdeckelträger. „Eine Hymne der Versöhnung“, souffliert Hilda. Er dreht den Deckel um. Auf der Rückseite hat ihm der Wildbärtige aus dem Pub den Refrain notiert. Er singt ihn geistesgegenwärtig, als erwarte man jetzt genau das von ihm. Beim zweiten Mal stimmen die anderen drei schief ein.
Ein Zwischenruf aus Heerlen: „Jetzt sollen sich alle versöhnen!“ Inmitten von Vlaai-Geschmatze und Hallenecho kommt auf der Bühne nur „versohlen“ an. Die Lehrerin rollt das Programmheft zusammen, der Antiquar bietet ihr pflichtschuldig das Hinterteil an. Nach dem ersten Klaps reiht sich der Lederkoloss hinter ihm ein, dahinter Angela. Der Mann aus Heerlen springt auf: „Nicht versohlen! Versöhnen!“ Das Echo macht daraus erneut „versohlen“. Die Lehrerin legt einen Gang zu, als hätte sie vierzig Dienstjahre auf diesen Moment gewartet. Floris begleitet in Moll, nach jedem Klaps ein Akkord. Angela steht am Ende der Schlange und strahlt so selig wie nach ihrem Tatort-Tod.
Improvisieren ist auf der Bühne eine Kunst, in Steuerfragen eher ein Risiko. Das weiß niemand besser als mein Steuerberater Roland Wilm. Er hätte unseren frischgebackenen Pizzakarton-Millionären noch vor der Rückfahrt erklärt, dass ein Lottogewinn in Deutschland zwar steuerfrei ist, die Zinsen darauf aber nicht. Bei ihm muss keiner improvisieren, er hat für jede Szene den passenden Plan. Ob die Katerstrophalen auf der Bühne weiterhin planvoll brillieren werden, erfahren Sie im November.
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